»Vier Sklaven trugen eine Terrine mit Deckel auf.
Die allergrößte, die wir haben.
Ganz aus Silber und sehr schwer.
Sie stellten sie mitten auf den Tisch.
Papa ist stark.
Er hob selbst den Deckel herunter.
Ich sah ein Menschlein.
Es hockte eng zusammengekauert in der Terrine.
Es richtete sich auf.
Es trug ein Wams und eine Art Schurz.
Es konnte ein kleiner Junge sein oder ein Mädchen.
Richtig sehen konnte ich es nicht.
Das ist Koko, sagte Papa.
Ein kleiner Sklave für unsere Maria.«
Mit Wie schön weiß ich bin schlägt der niederländische Autor Dolf Verroen einen völlig neuen Weg in der Auseinandersetzung mit Rassismus ein. Sein Text kommt ohne Moral aus. Er beschreibt lediglich präzise eine Welt, in der Rassismus selbstverständlich ist - alles aus der Perspektive einer Jugendlichen, die zu keinem Zeitpunkt ihre Welt in Frage stellt.
Verroen verweigert dabei jede Wertung. Die Ungeheuerlichkeiten, die den Sklaven widerfahren - etwa wenn Marias Mutter unter allgemeiner Belustigung Koko zwingt, ein heruntergefallenes Stück Kuchen vom Boden aufzulecken - werden so unaufwendig an uns herangetragen, dass man sich den Geschehnissen nicht entziehen kann. Die gewöhnlichen Schemata von Gut und Böse greifen hier nicht. Hier gibt es keine Einsicht, keine Läuterung - bis zum Ende nicht. Die Rettung durch eine „Moral von der Geschicht" bleibt uns versagt. Das erzeugt ein Vakuum, das nur durch eine Auseinandersetzung mit dem Erlebten ausgeglichen werden kann.
Eine Teeplantage in Niederländisch-Guyana (dem heutigen Surinam) in Südamerika, irgendwann im 19. Jahrhundert. Maria ist die Tochter der Plantagenbesitzer. Sie macht sich Sorgen um ihren zu kleinen Busen und denkt viel an Lukas, den Sohn der Besitzer der Nachbarplantage. Zu ihrem zwölften Geburtstag bekommt sie von ihren Eltern ihren ersten eigenen Sklaven geschenkt, den siebenjährigen Koko, und von ihrer Tante Elisabeth dazu eine kleine Peitsche. Koko steht ganz zu Marias Verfügung: Er räumt auf, dient ihr als Kleiderpuppe und hält ihren Sonnenschirm, wenn sie spazieren geht. Doch sein Blick provoziert Maria. Es ist, „als sähe er etwas, das es nicht gibt".
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Pressestimmen
»Kolonialwarenmisshandlung
Als die Proben zu „Wie schön weiß ich bin" begannen, stand der nächste Präsident der USA noch nciht fest. Trotzdem hat Dolf Verroens Jugendbuch, das unter der Regie von Martin Horn (Theater Mundwerk) im TaO! auf die Bühne kam, mit Barak Obamas Schritt ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit sehr an Aktualität gewonnen. Zur Erinnerung: Obamas Sieg galt aufgrund seiner Hautfarbe noch am Abend der Wahl nicht als sicher.
Es ist eine nur scheinbar ferne Welt, in die die Erzählung der zwölfjährigen Maria entführt, die zum Geburtstag ihren ersten eigenen Sklaven erhält. Und doch: Die Geschichte spielt nicht im alten Rom, sondern Mitte des 19. Jahrhunderts in einer niederländischen Kolonie. Afrikanische Sklaven sind hier quasi Haustiere - und selbst diesen mutete man ungern all die Brutalität zu, von der die kleine Maria ganz selbstverständlich erzählt. Der Kunstgriff des Stücks besteht darin, dass Maria beileibe kein Monster ist, sondern ein Kind wie alle anderen auch, etwas verwöhnt vielleicht, aber auch verunsichert, wenn sie sich Sorgen um ihre Mutter macht, weil ihr Vater der schönen Ware am Sklavenmarkt in den Hintern kneift.
Für die 1983 geborene Esther Sternad, die bereits am Theaterzentrum Deutschlandsberg von sich hören machte, ist das Solo der zwölfjährigen eine Herausforderung. Gesten und Mimik werden präzise gesetzt, Regisseur Horn lässt Sternad die Göre, die ihre Eltern imitiert, voll ausspielen, lässt Maria mit ihren Emotionen jonglieren und macht zugleich deutlich, dass sie nicht weiß, was sie von sich und der Welt halten soll. Das weiß der Zuseher am Ende auch nicht mehr. Ein bedrückend lebendiges Stück Literatur.«
Falter
»Sklave als Geburtstagspräsent
GRAZ. Das Kinderbuch „Wie schön weiß ich bin" für Erwachsene, in dem Dolf Verroen eine Zwölfjährige über Langeweile auf der Plantage und einen kleinen Sklaven als Geburtstagsgeschenk sinnieren lässt, schlug allerorts wie ein Peitschenhieb ein. In Kooperation mit dem TaO! brachte das Theater Mundwerk nun den genialen Gesellschaftsspiegel unter Martin Horn zur Uraufführung. In strahlender Wolken-Wiesen-Schaukel-Landschaft besticht Esther Sternad als grimassierende, wütende und bezirzende Göre.«
Kleine Zeitung
»Theater Mundwerk mit „Wie schön weiß ich bin" im TaO!
Ein kleiner Sklave zum Geburtstag
Durch die Augen eines 12-jährigen Mädchens blickt Dolf Verroens Stück „Wie schön weiß ich bin" fast beiläufig auf Sklaverei und Rassismus im 19. Jahrhundert. Das Theater Mundwerk nutzt diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um den Blick auf die Gegenwart zu schärfen. Zu sehen bis 11. 12. im TaO!.
Der kleine Koko ist Marias erster eigener Sklave. Von Papa bekommt sie ihn zum Geburtstag. Tante Elisabeth schenkt ihr die dazupassende Peitsche. Was sich Maria eigentlich wünscht ist mehr Busen und die Aufmerksamkeit von Lukas.
Beinahe beiläufig lässt Dolf Verroen Maria in seinem Ein-Frau-Stück „Wie schön weiß ich bin" von der Sklaverei auf der Teeplantage ihres Vaters erzählen. Kindliche Naivität und Gutmenschlichkeit vermengten sich in der Rolle mit einem - auf Familie und Hautfarbe basierenden - Überlegenheitsgefühl. Der Rassismus wird zu einem Ventil für ihre pubertären Probleme, genauso wie er auch dem Rest ihrer Familie als Ventil für diverse Frustrationen dient.
Regisseur Martin Horn zieht das Stück, soweit es ihm der historisch verwurzelte Text erlaubt, bildstark in die Gegenwart. Musik (Robert Lepenik) und Bühnenbild (Christina Weber) unterstützen dieses Vorhaben ebenso stark wie Esther Sternad in der Titelrolle. Ein kritischer Blick auf das Gester, um den kritischen Blick auf das Heute zu schärfen.«
Kronen Zeitung